E-Portfolios in der Lehre

Der Portfolio-Begriff ist mir seit meinem Studium häufiger begegnet, ohne dass ich ihn tatsächlich greifen konnte. Später, in meiner eigenen Lehre, hatte ich E-Portfolios in einem Seminar eingesetzt. Doch erst für einen hochschuldidaktischen Workshop vergangene Woche konnte ich tiefer in die Konzepte hinter E-Portfolios und deren didaktisch-methodischen Einsatz einsteigen und sie für die Lehrenden an der JLU aufbereiten.

Portfoliobeispiel KiTa, Kind hält seinen Portfolio-Ordner in der Hand und betrachtet ein gemaltes Bild und ein Foto von sich.

Ein Portfolio für ein Kindergartenkind.

Im Studium ist mir der Begriff „Portfolio“ zum ersten Mal über den Weg gelaufen – als etwas, das Unternehmen machen und hatten. In meinem privaten Umfeld wurden Portfolios geführt, z.B. mit Ringbuchordnern im Kindergarten (vgl. Abbildung) oder online für den angehenden Designer. Die Beispiele zeigen die Bandbreite an Portfoliotypen. Doch was sind Portfolios genau? Eine viel zitierte Definition ist bei Paulson et al. zu finden:

„A portfolio is a purposeful collection of student work that exhibits the student’s efforts, progress, and achievements in one or more areas. The collection must include student participation in selecting contents, the criteria for selection, the criteria for judging merit, and evidence of student self-reflection“ (Paulson et al., 1991, S. 60)

Wird diese Sammlung elektronisch abgebildet, kann der Begriff „E-Portfolio“ verwendet werden. Zentral, um den Portfoliobegriff für die Lehre umsetzbar zu machen, ist die Unterscheidung zwischen dem (E-)Portfolio als eine Zusammenstellung von Artefakten und der Portfolio-Methode. Sandra Schön hat dies in einem kurzen Video im Rahmen des L3T-Projekts anschaulich dargestellt:

Eine Taxonomie für E-Portfolios ist bei Baumgartner (2012, S. 52) zu finden, in der das Lernportfolio, das Beurteilungsportfolio sowie das persönliche Entwicklungsportfolio als besonders relevant für die Hochschullehre angesehen werden können.

E-Portfolios in der Lernplattform ILIAS

Die E-Portfolio-Methode findet verstärkt in Hochschulen Verbreitung und wird zunehmend auch als Prüfungsleistung anerkannt. An der TU Darmstadt wurde z.B. das E-Portfolio-System mahrara eingesetzt. Dieses nutzte ich zur Unterstützung von Gruppenarbeiten, um ihre Prozesse und Ergebnisse abzubilden, zu reflektieren und zu präsentieren (einen Erfahrungsbericht zu diesem Seminar gibt’s auf e-teaching.org). An der JLU bietet die Lernplattform ILIAS die Möglichkeit, E-Portfolios zu führen. Um Dozierenden die Potentiale von E-Portfolios für die Lehre aufzuzeigen, haben mein Kollege und ich im Rahmen der hochschuldidaktischen Weiterbildung der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen einen Workshop angeboten. Hier stellten wir „Portfolios“ als digitale Sammelmappe vor, die dazu dient, studentische Arbeitsergebnisse z.B. im Verlauf einer Veranstaltung zu dokumentieren, zu reflektieren und begutachten zu lassen. In unserem Workshop haben wir die Möglichkeiten der Lernplattform ILIAS, E-Portfolios einzubinden, ausgetestet: Dazu haben die Teilnehmenden ein erstes eigenes Portfolio erstellt und sich so in die Sicht der Studierenden versetzt. Anschließend sind wir auf die Lehrendensicht eingegangen und haben die Möglichkeit der Portfoliovorlagen erläutert und selbst Ideen für den Einsatz von Portfolios in Ihrer Lehre entwickelt.

Ein Beispiel E-Portfolio in einem Seminar

Verbindung von Exkursion, E-Portfolio, Referat. Kreise von Portfolio und Referat überschneiden sich durch Tandem/Chairman-Funktion.

Beispiel für Einbettung von E-Portfolios in Veranstaltungskonzept

Ein interessantes Beispiel für die didaktisch-methodische Integration von E-Portfolios an der JLU haben wir in den Musikwissenschaften gefunden: Die Lernenden sollten „musikfeldbezogene Berufsbilder“ in Exkursionen erkunden und sich im Seminar damit auseinander setzen. Dazu wurden die Berufe in E-Portfolios erarbeitet und in Referaten vorgestellt. Die beiden Formate wurden durch eine Peer-Tandemfunktion verknüpft, indem einerseits der Erstellungsprozess jedes E-Portfolios von einem Kommilitonen/einer Kommilitonin durch Feedback begleitet wurde, der/die andererseits als „Experte/Expertin“ auch das anschließende Referat in der Rolle eines „Chair Mans“ moderierte und kommentierte (vgl. Abbildung).

Bewertungskriterien

Die Fragen rund um die Bewertungskriterien für die Arbeit mit Portfolios konnten wir nur anreißen: Es zeigt sich aber Bedarf, das Thema ausführlicher zu diskutieren. Wie kann formatives oder summatives Assessment aussehen? Welche Kriterien können für Einzelprodukte eines Portfolios, als auch für das Gesamtprodukt angelegt werden? Wer entwickelt die Kriterien? Wer bewertet? Ein Beispiel liefert Himpsl (2010, S. 25 ff.), in welchem gemeinsam mit Studierenden die folgenden Kriterien für die Peer-Bewertung des Gesamtportfolios entwickelt wurden:

  1. Intensität – Authentizität – Reflexivität,
  2. Dokumentation der Kompetenznachweise und
  3. Ästhetik – Multimediale Aufbereitung – Kreativität.

Reflexion über eigene Lehre

Die Frage nach dem Führen von E-Portfolios sollte sich nicht alleine an Studierende richten, sondern auch an die Lehrenden. E-Portfolios wären hier geeignet, um sie zur Reflexion über ihre eigenen Lehr-/Lernprozesse anzuregen und zu begleiten. Ich halte einen subjektwissenschaftlichen Ansatz mit Bezug zu dem Lernbegriff Holzkamps (1995) für gewinnbringend, da hier nicht nur erfolgreiche Lernprozesse reflektiert, sondern z.B. auch Schwierigkeiten und Lernwiderstände sichtbar werden. Diesen Ansatz verfolgt auch Häcker (2012) für die Portfolioarbeit in Lehr- und Lernprozessen:

„Die Rekonstruktion des eigenen Lernprozesses ist ein Akt der Selbstverständigung, bei dem ein expansiv begründeter Lern- bzw. Lehrprozess ebenso sichtbar werden kann, wie ein defensiv begründeter oder ein widerständiger. […] Das Portfolio als Container, d.h. als Gefäß für Lernprodukte und Lernprozessspuren der Lernenden bzw. für Lehrprodukte und Lehrprozessstrukturen der Lehrenden kann, […] die materielle Basis für solche Prozesse der Selbstverständigung der lernenden bzw. lehrenden Subjekte und der kooperativen Lernprozesseinschätzung in der Gruppe liefern.“ (Häcker, 2012, S. 286)

Ein Thema, das sicher genug Stoff für einen weiteren hochschuldidaktischen Workshop bieten würde…

Literatur und weitere Quellen

Baumgartner, P. (2012): Eine Taxonomie für E-Portfolios. Teil II des BMWF-Abschlussberichts “E-Portfolio an Hochschulen”: GZ 51.700/0064-VII/10/2006. Forschungsbericht. Krems: Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien, Donau Universität Krems (PDF)

Häcker, T. (2012), Portfolioarbeit im Kontext einer reflektierenden Lehre. In Rudolf Egger & Marianne Merkt (Hrsg.), ‚Lernwelt Universität: Entwicklung von Lehrkompetenz in der Hochschullehre‘, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 263-289

Himpsl, K. (2010): E-Portfolios in berufsbegleitenden Studiengängen zu Neuen Medien. medienpädagogik – Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. Themenheft Nr. 18: Neue Medien und individuelle Leistungsdarstellung – Möglichkeiten und Grenzen von ePortfolios und eAssessments (PDF)

Holzkamp, K. (1995), Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Campus Fachbuch, Frankfurt, New York

Paulson, F. L., Paulson, P. R., & Meyer, C. (1991). What makes a portfolio a portfolio? Educational Leadership, 48(5), 60-63. (PDF)

Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung per Videotutorial hat mein Kollege Alexander Sperl für ILIAS 4.2 erstellt (Link zu YouTube-Video) und didaktische Einsatzszenarien für E-Portfolios (und Blogs) zusammen getragen (Link zu YouTube-Video)

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