Unsichtbare Hürden erkennen

„Unsichtbare Hürden erkennen – E-Learning aus Sicht sehbeeinträchtigter Nutzer_innen“ so lautete der Titel des Workshops, den wir im Rahmen der hochschuldidaktischen Weiterbildung der Justus-Liebig-Universität (JLU) erstmalig angeboten haben. Wir setzten uns an diesem Tag mit Barrieren auseinander, mit denen sehbeeinträchtigte Personen tagtäglich konfrontiert sind und die das Studieren erschweren.

Gemeinsam mit meinem Kollegen Dr. Steffen Puhl, Projektleiter und Koordinator für barrierefreie Studieninformationssysteme an der JLU, hatte ich die Möglichkeit, einen Workshop zu Barrierefreiheit in Informations- und E-Learning-Angeboten durchzuführen. Als Einstieg in unseren Workshop-Tag wählten wir Zitate aus der DSW-Datenerhebung „beeinträchtigt studieren 2011“ (Meyer auf der Heyde, 2013, online verfügbar unter www.reha-recht.de).

Hier wurde hervorgehoben, dass es unterschiedlichste Barrieren gibt, jedoch denken viele zuerst an bauliche Barrieren. Diese Art der „sichtbaren Hürden“ zeigt auch das Bild, das uns der Kollege Frank Waldschmidt-Dietz dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat: Ein Mädchen im Rollstuhl, das vor einer Treppe steht. Dieses Bild war gleichzeitig ein gutes Beispiel für eine „unsichtbare Hürde“. Denn ist das Bild nicht mit Alternativtext belegt, hat eine sehbeeinträchtigte Person keine Chance, dieses ohne fremde Hilfe zu erfassen. Sowohl in unserer Veranstaltung als auch in der genannten DSW-Datenerhebung zeigt sich: „Problematisch ist dabei, dass es Außenstehenden oft schwer fällt, Barrieren jenseits des Baulichen überhaupt als solche zu erkennen.“ (Meyer auf der Heyde, 2013, S. 1)

Bild: Die Treppe als bauliche Barriere aus Sicht einer Rollstuhlfahrerin. Aufgenommen aus zwei Perspektiven - die Treppe hinaufschauend und die Treppe hinab auf das Mädchen im Rollstuhl.

Ein Beispiel für sichtbare Hürden, Foto: Frank Waldschmidt-Dietz, Erstveröffentlichung auf wheelmap.org

Leitsysteme

Ein weiteres Bild zeigte ein Blindenleitsystem auf einem Gehweg. Der Workshop-Leiter Steffen Puhl beschrieb, wie diese Leitlinien und Aufmerksamkeitsfelder mit dem Blindenstock abgetastet werden und so eine Hilfe bei der Orientierung bieten können. Jedoch müssen sie zuvor mit einer Assistenzperson erarbeitet werden, bevor sie eigenständig genutzt werden können.

Bild: Blindenleitsystem bestehend aus Bodenindikatoren mit Rillen, Rippen und Noppen. Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen können die Leitstreifen und Aufmerksamkeitsfelder mittels eines Blindenstocks ertasten und sich so im öffentlichen Raum orientieren.

Orientierung im öffentlichen Raum durch Blindenleitsystem

Übertragen auf die E-Learning-Systeme, die z.B. an unserer Universität eingesetzt werden, können die systemseitig bereitgestellten Navigationshilfen als ein solches Grundgerüst angesehen werden. Diese sind inzwischen so aufbereitet, dass sie von technischer Seite eine geeignete Struktur bieten, Inhalte möglichst barrierearm aufzubereiten und abrufen zu können. Die E-Learning-Systeme bieten hier einen technisch gestalteten Rahmen, vergleichbar mit den Rillen und Noppen des Blindenleitsystems. Die tatsächliche Ausgestaltung des Weges erfolgt allerdings von Dozentinnen und Dozenten und Studierenden, die mit diesen Systemen lehren und lernen. Hier sind also alle Beteiligten der Hochschule gefragt, über mögliche Hürden zu kommunizieren. Denn: „Knapp zwei Drittel der studienrelevanten Beeinträchtigungen an unseren Hochschulen bleiben dagegen unbemerkt, wenn Studierende nicht selbst darauf hinweisen.“ (Meyer auf der Heyde, 2013, S. 1)

 

Screenreader

Im Workshop gaben wir auch einen Überblick über technische Hilfsmittel wie z.B. Screenreader. Wir probierten beispielsweise die VoiceOver-Funktion von Apple-Geräten aus. Auch wenn diese Übung von den Teilnehmer_innen sehend und zum großen Teil an den eigenen Geräten erfolgte, war sie keineswegs mühelos zu bewältigen. Ist VoiceOver aktiviert sind bekannte Gesten und Interaktionen mit neuen Funktionen belegt, so tippten und wischten wir mit einem, zwei, drei oder mehr Fingern und drehten den imaginären Drehknopf – den „Rotor“ – auf unseren iPhone- und iPad-Bildschirmen. Eine wertvolle Hilfestellung beim Erlernen der VoiceOver-Gesten oder auch der Bedienung von VoiceOver über die Tastatur bot hier das www.VO-Portal.de.

Für die Windows Welt gibt es „Mr. JAWS“, wie eine Teilnehmerin die Stimme des kostenpflichtigen Screenreaders nannte. JAWS steht für das Akronym „Job Access With Speech“. Ein weiterer Screenreader für Windows, der ebenso wie JAWS über eine Sprachausgabe oder Braille-Tastatur den Bildschirminhalt wiedergibt, ist der Free- und Open-Source-Screenreader NVDA („NonVisual Desktop Access“) http://www.nvaccess.org.

Wie die Erfassung von Bildschirmtext über die Sprachausgabe funktioniert, erarbeiteten sich die Teilnehmer_innen „blind“, indem wir das Beamerbild abschalteten und nur die Lautsprecher anließen. „Mr. JAWS“ las eine Webseite vor und wir unterbrachen ihn immer wieder, um zu rekapitulieren was er nun tatsächlich gesagt hatte. Damit konnten wir uns Wort für Wort folgende Struktur einer Seite erarbeiten:

  1. Informationen zum Seitenaufbau für Screenreader-Nutzer_innen, im Content Management System (CMS) hinterlegt
  2. Einsprungmarken, im CMS hinterlegt, um schnelle Navigation zu ermöglichen
  3. Feinnavigationsstruktur (redaktionell gestaltbar)
  4. der eigentliche Inhaltsbereich (redaktionell gestaltbar)

Auch wenn dieser Teil des Workshops viel Zeit in Anspruch genommen hat, wurden hier Hürden besonders deutlich. So machte es z.B. eine einfache Tabellenstruktur unmöglich, die Informationen einer einfachen Webseite in der logischen Reihenfolge zu erfassen.

 

Barrierearme E-Learning-Formate

Zudem testeten wir in ILIAS das Übungsobjekt bzw. die Möglichkeit des Peer-Feedbacks aus Sicht der Studierenden, die die Aufgabe erfüllen sollten, einen kurzen Text über unsichtbare Hürden zu schreiben und zwei Texte von Kommilitonen zu „reviewen“. Hier konnte Steffen Puhl die Aufgaben in der Rolle eines sehbeeinträchtigten Studierenden mit Hilfe der Sprachausgabe-Software relativ problemlos erledigen.
Zentral war es uns darauf aufmerksam zu machen, als Dozierende nicht nur an elektronisch gestützte Lehr-Lernformate zu denken, bei denen Studierende rezipieren, sondern auch Methoden zu berücksichtigen, in denen sehbeeinträchtigte Lernende selbst Inhalte produzieren müssen, wie es z.B. auch bei E-Portfolios oder beim kollaborativen Arbeiten mit Wikis möglich wäre.

 

Barrierearme PDF-Dokumente

Zu guter Letzt gingen wir noch auf das Thema barrierefreie bzw. barrierearme PDF-Dokumente und -Formulare ein, als eine weit verbreitete Form im Uni-Alltag Inhalte zu verteilen. Aus Sicht blinder oder sehbeeinträchtigter Nutzer_innen können diese aber auch eine Vielzahl an Hürden bieten, wenn sie nicht entsprechend aufbereitet sind. Hier gaben wir den Teilnehmer_innen neben Beispielen Anleitungen an die Hand, wie sie mit geringem Aufwand barrierearme PDF-Dokumente und -Formulare aus Word-Dateien erstellen können (Zu den Anleitungen auf den Seiten der JLU: Link).

Abschließend tauschte sich die Runde aus, wie diversitätsgerechte Informationsangebote und E-Learning-Settings in der Hochschullehre und den Fachbereichen konzipiert werden könnten. Eine Teilnehmerin fasste ihre Erfahrungen des Tages so zusammen, dass sie nun „bewusster durch das Leben geht und somit Probleme für Sehbehinderte besser versteht“. Wir freuen uns, wenn wir die Teilnehmer_innen für die Hürden sensibilisieren konnten, die für Sehende nur schwer nachvollziehbar sind: die Zugänglichkeit zu web- und E-Learning-Angeboten für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Auch wenn wir an dem Tag festgestellt haben, dass es noch viel zu tun gibt und es manchmal auch „Barrieren in der Barrierefreiheit“ gibt.

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Ein Gedanke zu “Unsichtbare Hürden erkennen

  1. Pingback: Artikel zu digitaler Barrierefreiheit erschienen | Antje bloggt:

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